Frühinstrumentaler Gitarrenunterricht mit Kindern ab 5 Jahren
Didaktikseminar mit Gerhard Schempp an der Hochschule für Musik in Basel, 1. April 2006
Bericht von Ruth Wey
![]() |
Etwa 28 Gitarrenlehrerinnen aus der Deutschschweiz genossen an jenem Samstag die
Gastfreundschaft des Konservatoriums Basel und erhielten während des eintägigen
Weiterbildungskurses mit Gerhard Schempp etliche Anstösse und Ideen für den
Unterrichtsalltag mit Kleinkindern. Dozierend, mit Videoaufnahmen aus seinem Unterricht und mit vielen Noten- und Bildblättern erörteret uns Gerhard Schempp Ideen seines Gitarrenunterrichts. Seine Unterlagen existieren nicht in Buchform, er hat angekündigt, sämtliche Blätter an die EGTA zu mailen, wo sie abrufbar sein werden. (ab Mai 2006). |
| THEORETISCHER TEIL Im Alter von vier bis sechs Jahren ist die musikalische
Aufnahmefähigkeit am grössten. Beim Beginn des Gitarrenunterrichts mit
Fünfjährigen geht es darum, musikalisches und technisches Erleben als
Selbstverständlichkeit im Menschsein zu integrieren, nicht etwa, mit
zehn Jahren schon viel besser zu sein, als beim Unterrichtsbeginn mit
acht Jahren.
|
![]() |
Erster Kontakt mit der Gitarre
Damit er dem Bewegungsdrang kleiner Kinder gerecht wird, lässt Gerhard Schempp
die Kinder mit der Gitarre am Boden spielen, ihr Klänge und Geräusche zu
entlocken. Einige Beispiele: Kurze Töne, lange Töne (Nachklang hören),
Scheppern, Glockenklänge, Klopfen, Trommeln, Streichen (Grossbewegung aus Arm),
den eigenen Namen ins Schallloch rufen, Einzelsaiten (die Saite erfassen).
Zu Beginn ist es gut, mit beiden Händen zu arbeiten. Die Aufforderung, mit der
Malhand zu spielen, lässt problemlos Rechts- und Linkshändigkeit erkennen.
Erst etwa ab der sechsten Lektion lässt Gerhard Schempp die Kinder in
Sitzhaltung spielen, jedoch nie während der ganzen Stunde.
Das erste Ziel, eine einzelne Saite zu spielen wird durch die immer kleiner
werdende Bewegung vom Streichen über sechs Saiten bis zur ersten Saite erreicht.
Eine Schemppsche Geschichte, welche den Kindern plausibel macht, dass die Saite
beim Anspielen heruntergedrückt und nicht hinausgezogen wird:
Ein Kerlchen möchte die Saiten hochklettern, schafft es aber nicht, da sie viel
zu weit auseinander liegen. Nun hilft ihm Paul, der Daumen, welcher die Abstände
durch hinunterdrücken Saiten verkleinert.
Liedbegleitung
Liedbegleitung mit Leersaiten ist sehr wichtig :Das Gefühl für Puls kann
entwickelt werden, melodische Elemente sind schon früh enthalten. Der
Liederfundus soll immer wieder den aktuellen Vorlieben der Kinder angepasst
werden. Lieder mit identischem Anfangston von Melodie und Begleitung eignen sich
für den Beginn.
Bei nicht identischem Anfangston:
Do, re, mi, fa, so mit folgendem Text vor- und zurück singen:
Schritt für Schritt nach oben, woll’n wir sicher proben, oben, proben.
Dabei dürfen wir nicht vergessen, immer wieder Dinge zu tun, welche nicht mit
bekannten Liedern zusammenhängen.
Koordination der linken und rechten Hand
Damit wir bei den Kindern eine „Wohlfühlhaltung“ erreichen können, ist es
unbedingt notwendig, die Grundstruktur deren Hände beizubehalten,
funktionsfähige Finger zu entwickeln, welche mit Tönen arbeiten, musizieren
können. Die beiden Hände sollen eine unabhängige Abhängigkeit erreichen.
Finger sind formbar, wenn noch keine Kraftaktion von ihnen verlangt wird. Als
erstes gemeinsames Spiel von linker und rechter Hand können wir Zaubertöne (Flageolett)
einführen, und so ohne Fingerdruck melodische Elemente spielen (im Gegensatz zu
Quarten!). Beispiel: „Backe, backe Kuchen“ mit Beginn auf der vierten Saite im
XII. Bund.
Eine dauernde Bewegung der linken Hand lässt zu, dass sie formbar bleibt. Das
Spiel mit „grossen und kleinen Zaubertönen“ (XII., VII. Bund) unterstützt diese
Idee und beinhaltet zugleich einen natürlichen Lagenwechsel.
Gerhard Schemmp’s „Geistergeschichte“ als Spiel mit Vierfingeraufsatz ohne
Druck:
3. Saite, V. Lage, jeder Finger ist in „seinem Zimmer“. Paul (Daumen p) spielt
in regelmässigem Puls zu den Gedichtzeilen
Geisterreiter reiten stumm (Alle vier Finger)
In der dunklen Nacht herum. (vierter Finger weg)
Leise klirren ihre Ketten, (dritter Finger weg)
Leute fallen aus den Betten. (zweiter Finger weg)
Zum Schluss: Scheppernder Ton
Töne greifen
Zuerst beginnt der zweite Finger zu greifen, da er am stärksten und stabilsten
ist. Mit Leersaiten und dem 2. Finger in verschiedenen Lagen gegriffen können
ganze Lieder gespielt werden.
Danach gesellt sich der dritte Finger dazu und wir beginnen mit der
Einführung der Noten: d’, e’, f’ nennt Gerhard Schempp Dorle, Emil und
Fridolin. Auf der 2. Saite d’ mit 2. Finger, Lagenwechsel zu e’, dritter Finger
greift f’. Rhythmisch gibt es lange (Halbe) und kurze (Viertel) Töne.
Lieder ohne Worte wie „Trauriges Häschen“ können so gespielt werden.
Da es der menschlichen Natur entspricht, dass andere Finger dem einen helfen
wollen, soll die Einführung des Greifens mit dem ersten Finger unbedingt an den
zweiten gekoppelt werden. Auf der 2. und 1. Saite können wir so mit d’, e’, g’
zum Beispiel ein „Chinakarussell“ kreieren.
Inga und Maria, ohne Anna: i, m, a
Die Entwicklung der Hand von Kleinkindern lässt nicht zu, den a-Finger
einzusetzen. Dies ist erst etwa ab siebtem, achtem Lebensjahr möglich. p, i und
m bilden eine Einheit, welche wir ausnutzen können.
Gerhard Schempp empfiehlt, unbedingt mit freiem Anschlag zu beginnen. Bei
Tirando ist nach jeder Tonerzeugung das Zurückschwingen des Anschlagfingers die
Folge. Beginnen wir mit dem Apoyando-Anschlag, ist diese natürliche Bewegung
sehr schwierig zu erreichen.
|
LEHRPROBE MIT 5 KINDERN: 3 ANFÄNGER, 2 FORTGESCHRITTENE
|
![]() |
|
DISKUSSIONSRUNDE ZUM SCHLUSS
|
![]() |
In Zukunft werden immer mehr sehr junge Kinder mit dem Gitarrenunterricht
beginnen. Es ist die Pflicht für uns Pädagogen, uns aktiv mit dieser
Altersgruppe auseinanderzusetzen, entsprechende Unterrichtsformen zu finden.
Ein Schlusswort von Stephan Schmidt:
„Weiterbildung muss man wollen. Entsprechende Institutionen sollen angefragt
werden und so können Formen gefunden werden. In diesem Sinne kann Geldknappheit
kreativitätsfördernd sein.“
Ich danke dem EGTA-Vorstand für die Organisation dieses motivierenden Kurstages,
Gerhard Schempp für seine weit reichenden Ausführungen und Stephan Schmidt für
die Gastfreundschaft im Konservatorium Basel.
Luzern, 7. April 2006
Ruth Wey