ESTA / EGTA-Seminar 11./12. Sept. 04

"Faszination Zigeunermusik" (Titi Winterstein Gruppe)

Sie haben Vornamen wie Titi, Holzmanno, Banscheli und Guggeli, sie sind in Insider-Kreisen längst arriviert und stehen in der Tradition von Django Reinhardt und Stephane Grapelli. Im letzten Moment abgemeldet hat sich leider Guggeli, weiss der Gugger warum, doch bringt dies die Musiker keineswegs aus dem Konzept, sind sie es doch gewohnt, in abwechselnder Besetzung aufzutreten.
Übrigens erfahren wir, dass der Begriff Zigeuner keineswegs diskriminierend oder politisch unkorrekt ist, sie nennen sich selbst so und sind auch stolz darauf.

Im hübschen Gemeindezentrum Hottingen präsentieren sich nach einer historischen Einleitung von Laura Chmelevsky auf der Bühne anfangs drei, später fünf Zigeunermusiker aus Deutschland und Frankreich. Die Diskussions-Leitung hatte Volker Biesenbender, der mit den Musikern befreundet ist und als einziger klassischer Musiker in den Darbietungen teilweise mitspielen wird. Zuerst wirken die Musiker etwas befangen, trotz vielen Auftritten ist ihnen die spezielle Situation wohl nicht sehr vertraut, doch bald tauen sie auf und wir erfahren Interessantes über ihre Spielpraxis und Lebensweise. Was ich zum Beispiel nicht gewusst habe ist, dass sie auch heute noch traditionsgemäss mit ihren Wohnwagen herumziehen und ihre Kinder alle paar Wochen die Schule wechseln müssen. Auch haben sie alle neben ihrer Musik noch einen andern Beruf, Titi Winterstein sagt etwa, er handle noch mit Möbeln und Instrumenten.

Wenig überraschend ist ihre Aussage, dass sie nie nach Noten spielen und keine Noten lesen können. Immerhin meint Titi, Notenlesen könne schon sehr nützlich sein, und sein Sohn nimmt deshalb auch normalen Klavierunterricht nach Noten. Wie das dann geht mit den vielen Schulwechseln wurde leider nicht gefragt. Aber Titi zwingt ihn nie zum Üben, überhaupt ist das Wort "Üben" bei den Zigeunern irgendwie fehl am Platz, man spielt einfach am Abend, an Festen, und wann man eben Lust und Zeit hat. Nicht richtig glauben können wir Titis Aussage, er spiele eigentlich ziemlich selten. Und ja, man habe schon auch ein bisschen Lampenfieber bei wichtigen Konzerten. Auf die Frage, warum eigentlich in den bekannten Formationen keine Frauen mitspielen, wusste er auch keine richtige Antwort, aber es sei kein Tabu und es gebe schon einige Frauen, die gelegentlich Zigeunermusik spielen.

Nach dieser Diskussion teilen sich die Teilnehmenden in Gruppen auf, je ein Gitarrist oder Gitarristin auf etwa 5 GeigerInnen. Aufgabe ist, über die Melodie beziehungsweise über das Akkordgerüst vom Standard "DarkEyes" zu improvisieren. Eigentlich tönt das bei den meisten bald recht stilecht.

Beim Abendessen in der für uns reservierten Pizzeria gibt es eine Überraschung. Eine Formation aus der Slowakei verwöhnt uns mit feurigen, virtuosen Zigeunermusik und heizt uns auf das kommende Konzert gehörig ein. Und das ungarisches Sprichwort, das uns Volker am Sonntag zitieren wird, scheint tatsächlich zu stimmen: "Wenn man einen Zigeuner spielen hört, ist man von einem Glas Wasser betrunken".

Das Konzert am Abend wird wohl für alle zu einem emotionalen Erlebnis. Ich glaube, es ist vor allem diese Mischung aus äusserlicher Ruhe, die die Musiker ausstrahlen, mit dem enormen Drive, die so fasziniert. Alles klappt wie am Schnürchen, scheinbar mühelos und automatisch.

Der Sonntag beginnt mit Volker Biesenbenders Referat "Was können wir von den Zigeunern lernen?"
Er räumt zunächst auf mit der bequemen Meinung "Zigeuner haben es eben im Blut" oder gar "in den Genen".
Musizieren ist bei ihnen eine alltägliche Handlung wie etwa Teppichflicken. Man spricht auch nicht von Begabungen, alle können auf ihre Art musizieren.
Allerdings weiss Volker von etlichen ungarische Zigeuner-Geigern, die ein Konservatoriumsdiplom haben.
Volker spricht von einem Energiefeld, das beim Spielen entsteht, das auch weitere Abmachungen überflüssig macht, es wird nicht vereinbart, wer wann ein Solo hat, oder wieviele Durchgänge gespielt werden. Er bewundert Titis Ruhe, es gibt keine einzige überflüssige Bewegung. Er hat beobachtet, dass die Zigeunermusiker immer ganzheitlich denken, woraus aber auch folgt, dass sie unfähig sind, beispielsweise im Takt 6 einzusetzen und auch kein willkürliches accelerando spielen können. Die Intonation ist aber nur scheinbar ungenau.
Das Umfeld muss stimmen. Dreimal pro Woche steigt bei den Zigeunern ein Fest. "Kein Tanz und Gesang = keine Vitamine". Volker ist überzeugt, dass auch wir im Unterricht unbedingt übers Gehör einsteigen sollten.

Als Verbindung zur klassischen Musik präsentieren uns Laura Chmelenky (Violine) und Wolfram Lorenzen (Klavier) die 3. Sonate von G. Enescu, einem rumänischer Komponisten, Violonisten und Dirigenten (1881-1955), der sich viel mit der Zigeunermusik seines Landes befasst hat. Auch wenn in der Sonate nicht allzuviel Zigeunerisches hörbar ist, sind die Leute tief beeindruckt von diesem Vortrag und stimmen sicher mit Lauras Wunsch überein, dass diese Sonate mehr Bekanntheit verdient.

Am folgenden Improvisationsworkshop mit dem französischen Gitarristen Florent Kirchmeier arbeiten wir (etwa 10 GitarristInnen) an einer stilgerechten Begleitung von "Minor-Swing". Florent zeigt uns, dass die Folge Dm Gm A7 interessanter tönt, wenn man bei den Mollakkorden die grosse Sext hinzufügt.
Nach der "Wiedervereinigung" mit den GeigerInnen bleibt leider nur noch wenig Zeit, das Geübte zusammen auszuprobieren.
Besonderes Lob verdient noch die hervorragende Organisation durch den ESTA-Vorstand und der Wunsch, wieder einmal zusammenzuspannen.

Jürg Hochweber