Hausnummern, Hasen und Hilfslinien: niederschwellig Noten lesen lernen

Von Michael Boner

«Das Vermitteln der Notenschrift ist tatsächlich die größte Bremse beim Erlernen des Gitarrenspiels: Wenn ich einem Schüler von ca. 14 Jahren einen E-Moll-Akkord nur mit leeren Saiten zeige, kann er diesen sehr schnell nachspielen. Aber wenn er diesen Akkord aus den Noten entnehmen soll, steht er vor einem großen Hindernis.»

So steht es im Vorwort des Gitarrenlehrmittels «Abenteuer Gitarre» von Jens Kienbaum [1]. Ich glaube, dass dieses Zitat ein bisschen symptomatisch ist für etwas, das ich in unserem Beruf regelmässig beobachte. Dass das Notenlesenlernen mit Schüler*innen einen gewissen Prozess darstellt, wird sicher niemand abstreiten. Gerade mit jüngeren Kindern braucht dieser Prozess oft noch deutlich mehr Zeit als mit SuS, welche zum Beispiel wie im Zitat vierzehn Jahre alt sind. Ich glaube aber, in diesem Zitat schwingt auch ein bisschen das Gefühl mit, dass es sich auch für Lehrpersonen oft etwas langwierig anfühlen kann, sich mit den SuS in diesem Prozess zu befinden. Immer wieder kommt es vor, dass Noten, welche länger nicht im Unterricht behandelt wurden, in der Erinnerung der SuS verblasst sind. Oder dass einige SuS fast konstant zwei Noten verwechseln (der Klassiker: das A auf der G-Saite und das C auf der H-Saite). Ich höre auch immer wieder von Lehrpersonen, dass einige SuS gar nicht gerne Noten lesen, und als ich damals frisch Gitarrenlehrer wurde, habe ich einmal den Ratschlag erhalten, ich sollte nicht zu früh Akkorde einführen, da die SuS sonst keine Lust mehr auf Noten hätten.


Die verschiedenen Aspekte des Notenlesens

Wenn man das Lesen von Noten etwas genauer unter die Lupe nimmt, kann man den Vorgang, resp. die Kenntnisse, welche zum fliessenden Notenlesen nötig sind, in mehrere Aspekte unterteilen: 

  1. Die Note muss visuell erkannt werden. Je jünger das Kind, desto weniger ist sein Umgang mit abstrakten Symbolen wie Noten ausgeprägt. Deshalb raten auch praktisch alle Pädagog*innen, welche sich auf Unterricht mit Vorschulkindern spezialisiert haben (mit denen ich gesprochen habe oder von denen ich gelesen habe) von Unterricht mit Noten in diesem jungen Alter ab oder setzen sie nur in stark vereinfachter Form ein. Auch im frühen Schulalter dauert das Prozessieren der Notenschrift bei den Kindern aus genannten Gründen länger.

  2. Das Kind muss nicht nur die Note erkennen, es muss auch die Position auf der Gitarre kennen. Es mag auf den ersten Blick so wirken, als sei für Kinder nach dem Erkennen der Note das Finden auf dem Instrument nur noch ein kleiner Schritt. Ich glaube jedoch, diese Annahme trügt. De facto sind das Erkennen des Symbols und das Zuordnen zu einer Position auf der Gitarre zwei Schritte und machen den Weg vom Lesen zum klingenden Ton nochmals länger.

  3. Das Spielen der Note braucht eine technische Umsetzung. Deshalb schauen die Kinder auch oft zuerst zur Note, dann zur linken Hand und dann noch zur rechten, bevor sie zupfen. Wenn früh Wechselschlag eingeführt wird, wissen sie allenfalls bei der nächsten Note wieder nicht mehr, ob sie bei der letzten Note mit m oder i gezupft haben.

  4. Dazu kommt die rhythmische Ebene.

  5. Im Idealfall weiss der Schüler/die Schülerin auch, wie die Note heisst. Man könnte argumentieren, dass dieser Aspekt für fliessendes Spiel am Anfang sekundär ist. Aber für das allgemeine Verständnis der Musik (Tonleiterstruktur, Tonarten etc.) wäre es auf lange Sicht gut, die Tonnamen mitlernen zu können.


Aus meiner Sicht sind alle fünf Aspekte getrennt lernbar (also nicht alles auf einmal), sodass die SuS zuerst jeden Aspekt entspannt separat kennen lernen, bevor sie alle zusammen kombiniert anwenden. In der Arbeit an diesem Artikel habe ich etwa 30 Gitarrenschulen durchgeschaut (Autoren wie Cees Hartog, die viele Bände veröffentlicht haben, nur einmal gezählt). Keine dieser Schulen bemüht sich nach meiner Erkenntnis, v. a. die ersten drei genannten Aspekte zu trennen. In einigen Schulen wird zuerst mit Buchstaben ein wenig Musik gemacht, bevor die Notenschrift eingeführt wird, und oft werden erste Notenwerte ebenfalls schon vor dem eigentlichen Notensystem erklärt. Aber in einem Punkt waren alle Schulen, welche ich mir angeschaut habe, gleich: Irgendwann hiess es etwas Ähnliches wie «hier auf der Gitarre findest du die G-Saite und so wird sie in den Noten dargestellt». Ab diesem Punkt wurde dann so vorgegangen, dass die Kinder mit jeder neuen Note das Erkennen, das Finden auf der Gitarre und die rhythmische und technische Umsetzung gleichzeitig anwenden und zu musikalischen Melodien/Phrasen formen sollen. Ich möchte hier jetzt auf keinen Fall jemanden kritisieren. Aus meiner Sicht muss ein Kind so einfach sehr viel auf einmal verarbeiten. Nach meinen Beobachtungen hangeln sich die SuS dann oft mühsam von Note zu Note. Ich persönlich finde diesen Weg je nach Alter der SuS auch nicht sehr kindgerecht (ich habe ein bisschen den Eindruck von einer Bedienungsanleitung). Aber viele von uns haben selber so Gitarre spielen gelernt (auch ich). D.h. mindestens bei einem Teil der SuS scheint dieses Vorgehen zu einem Resultat zu führen. Wenn ich an die weiter oben genannten Beispiele denke («viele SuS spielen nicht gerne Noten» etc.), war in meiner Laufbahn als Lehrer aber klar, dass es sich für mich lohnt, die aufgezählten Aspekte etwas genauer zu beleuchten und nach anderen Vorgehensweisen zu suchen. Ich möchte hier nicht allzu viel philosophieren, sondern euch gerne eine Vorgehensweise vorstellen, welche ich in den letzten Jahren entwickelt habe. ​

Ich muss anmerken, dass meine Ideen stark auf Ansätzen beruhen, welche ich im Studium bei Gertrud Jenny kennengelernt habe und welche einigen von euch in den Grundzügen bekannt sein dürften. Rund um die im Folgenden beschriebenen Methoden gibt es noch viele weitere Komponenten zu beachten. Ich klammere die technische und rhythmische Ebene hier fast komplett aus, dazu kommen Fragen wie das Alter der SuS. Logischerweise würde ich mit einem Gymnasiasten/einer Gymnasiastin ein ganz anderes Tempo anschlagen als mit einem/einer Erstklässler*in.

Mein Ansatz
Um meinen Ansatz verständlich zu machen, möchte ich ganz kurz erläutern, was ich in meinem Studium von Gertrud Jenny gelernt habe. Einen Ansatz, den ich bei ihr kennengelernt habe, ist, dass zuerst das System Gitarre soweit mit den SuS erkundet wird, dass bereits einfache Melodien gespielt werden können, noch bevor die Notenschrift dazukommt. Am Anfang steht quasi der Gedanke, dass jede Saite wie eine Strasse mit Hausnummern ist. Bund 1 ist dann Hausnummer 1, Bund 2 ist Hausnummer 2 etc. So lernen die SuS auch gleich, wie die Töne mit steigenden Hausnummern höher werden. Nun werden diesen Hausnummern Buchstaben, respektive bei sehr jungen SuS Tieren, zugewiesen. Im Haus Nummer 2 auf der A-Saite wohnt zum Beispiel ein H resp. Hase, im dritten Bund ein C resp. Clown (für alle, die das System kennen: Den Tonkreis klammere ich hier der Einfachheit halber aus).

So lernen die SuS, allein mit den Buchstaben/Tiernamen fliessend einfache Melodien zu spielen. Diese Methode hat in meiner Erfahrung dazu geführt, dass viele Kinder das Musikmachen auf der Gitarre als zugänglich erleben und es ihnen leichter fällt, Tonfolgen zu fliessenden Melodien zu kombinieren. Das Hangeln von Note zu Note findet deutlich weniger statt (wobei das Notensystem an diesem Punkt noch gar nicht eingeführt wurde). Die SuS sind weniger mit Rechnen beschäftigt und können mehr Musik erleben.




Der nächste Schritt ist dann, dass wir uns anschauen, wo der Hase in den Noten zuhause ist. D.h. wenn wir uns an die von mir aufgezählten Aspekte erinnern: Aspekt 1, das visuelle Erkennen des Notensymbols, findet erst jetzt statt. Die Positionen auf dem Griffbrett und die technische Umsetzung beherrscht das Kind aber bereits. D.h. das Kind muss sich nicht auf fünf Aspekte gleichzeitig konzentrieren, es kommt nun nur einer dazu. Genau bei diesem Schritt habe ich in den letzten Semestern meine eigenen Unterrichtsblätter erstellt (diesen Teil habe ich also nicht von G. Jenny übernommen). Mein Fokus lag dabei darauf, dass auch die Note als Bild wahrgenommen und so sofort mit den bereits gelernten Hausnummern verbunden wird. Konkret meine ich damit, dass das Kind ja nun bereits weiss, dass der Clown auf der A-Saite im dritten Bund wohnt. Wenn das Kind nun die Note C sieht, dann zeige ich ihm, dass dieses Notensymbol auch gerade aussieht wie ein Clown:

 Somit gibt es einen direkten Transfer von allem, was das Kind bereits kennt, ins Notensystem. Ähnliche Übertragungen gibt es für jedes Tier. Hier das Beispiel mit dem Hasen (der im Hut sitzt):

Der Affe (A-Saite) sitzt auf einem Liegestuhl mit Sonnenschirm drüber (zwei Hilfslinien):

Somit hat das Kind auch eine Strategie/Geschichte, welche ihm hilft, C und A nicht zu verwechseln.
Ähnliche Bilder/Eselsbrücken habe ich für alle Töne der ersten Lage (wobei ich komplett ausgearbeitete Arbeitsblätter erst für die Töne der Basssaiten erstellt habe).
Im Endeffekt habe ich die Erfahrung gemacht, dass selbst erwachsene Schüler*innen über diese Eselsbrücken froh sind (auch wenn ich bei ihnen dann meist nicht die ausführlichen bunten Unterrichtsblätter verwende, sondern die Eselsbrücken höchstens kurz erkläre und zu den Noten notiere).

 Ich bin mir bewusst, dass mein Vorgehen auf den ersten Blick je nachdem etwas umständlich wirkt. In der Praxis habe ich aber die Erfahrung gemacht, dass viele meiner SuS einen viel positiveren Bezug zu den Noten entwickelt haben. In den letzten Jahren hatte ich immer wieder SuS, die meinten «ich spiele viel lieber Noten als Akkorde» (und ich glaube, dass ich auch bei den Akkorden ein sehr SuS-gerechtes System, welches ich lange entwickelt und optimiert habe, verwende).

Falls jemand von euch an den Unterrichtsblättern interessiert wäre, kontaktiert mich gerne! Falls ihr einzelne Aspekte meines Vorgehens kritisch seht oder etwas anfügen möchtet, kontaktiert mich ebenfalls gerne! Ich glaube, es gibt keinen einzelnen korrekten Ansatz, jeder von uns ist bzgl. Unterricht auf der Suche nach guten Lösungen, um den SuS das Instrument besser zugänglich machen zu können, und wir können alle voneinander lernen!

Kontakt: michael.boner@egta.ch

[1] Jens Kienbaum: Abenteuer Gitarre. Eine Gitarrenschule für Einzel-, Schul- und Gruppenunterricht sowie zum Selbststudium, Band 1, AMA Verlag, Brühl, 2004.

 

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