Pädagogik Buchbesprechung: Das Methoden-Navi von Ulrich Menke
Von Samira Holer
Auf das Methoden-Navi bin ich gestossen als ich Inspiration für mein eigenes Üben gesucht habe. Ich habe im Podcast Wie übt eigentlich… von Patrick Hinsberger gescrollt und bin auf eine Folge mit dem Titel Wie übe ich schwere Stellen, Ulrich Menke? gestossen. Beim Hören dieser Folge wurde mir schnell klar, dass dieser Routenplaner nicht nur das eigene Üben, sondern vor allem den Unterricht sehr bereichern kann. Neugierig habe ich mir das Buch von Ulrich Menke bestellt. Dass ich nicht nur von der Podcast-Folge, sondern auch vom Methoden-Navi begeistert war, zeigt sich daran, dass ich den EGTA Vorstand überzeugen konnte, Ulrich Menke an unsere EGTA Tagung einzuladen. Als Vorbereitung für diesen Workshop möchte ich das Methoden-Navi etwas genauer vorstellen.
Im Grunde stellt das Buch 18 verschiedene Trainingsmethoden vor, mit dem Ziel, dass Lernende sich anhand dieser Methoden einen eigenen Routenplaner, ein eigenes Methoden-Navi, zusammenstellen können, also sinnvoll und selbstständig verschiedene Methoden nacheinander anwenden können. Das Buch möchte einerseits den Instrumentalunterricht motivierender und abwechslungsreicher gestalten und andererseits die Selbstständigkeit der Kinder und Jugendlichen in Bezug auf die Gestaltung des eigenen Übens fördern. Dies ermöglicht längerfristig eine Auflockerung der Abhängigkeit von der Expertise der Lehrperson. Ein wichtiger Grundpfeiler ist das achtsamkeitsbasierte Training, das durch Einbeziehen aller Sinne entsteht. Dies ist der Schwerpunkt der ersten 5 Methoden, den Basis-Methoden.
Eine Dozentin für Frühinstrumentalpädagogik wiederholte oft folgenden Satz im Unterricht: «Selber Denken macht klug!» Seither frage ich mich immer wieder, wie ich meinen Lernenden Selbstständigkeit in Bezug auf die Gitarre beibringen kann. Das Methoden-Navi setzt genau hier an. Zum Beispiel habe ich für mich mitgenommen, dass es nicht nur wichtig ist, den Lernenden verschiedene Übemethoden beizubringen, sondern diesen auch einen möglichst coolen Namen zu geben. Das müssen nicht unbedingt die Namen aus dem Buch sein, die Kinder können auch eigene Namen für die Methoden erfinden. So sind die Methoden einerseits einfacher zu notieren, da man oft nur ein Wort aufschreiben muss und andererseits können die Kinder die Methoden zuhause besser anwenden, wenn sie sie auch benennen können.
Was mich als sportvermeidende Person zunächst äusserst skeptisch stimmte, waren die zahlreichen Vergleiche vom Musikmachen zum Sporttraining. Die Gründe des Autors, diese Verbindung herzustellen, kann ich jedoch nachvollziehen. Üben ist leider bei vielen, den Lernenden sowie den Eltern, bereits negativ konnotiert. Gleichzeitig ist allgemein bekannt, dass es für sportlichen Erfolg unglaublich viel Training braucht. Deshalb spricht der Autor lieber von Instrumentaltraining. Auch das Aufwärmen ist ein selbstverständlicher Teil des Sporttrainings. Im Methoden-Navi ist das Warm-Up deshalb direkt die erste Methodensammlung. Das Verhältnis zwischen Lehrpersonen und Lernenden soll neu gedacht werden: weg von der allwissenden Lehrperson hin zum beobachtenden und unterstützenden Coach. Das Ziel ist nicht, die Lernenden mit allen 18 Methoden zu überladen, sondern ihnen über die Jahre hinweg diese Methoden als Werkzeuge beizubringen und sie darin zu unterstützen, situationsangepasst und individuell die jeweils für sie richtige Methodenroute zu wählen. Wie beim Sport sollen auch beim Musizieren Erfolge messbar sein. Das Emotionale Erlebnis ist aber hier ein zentraler Bestandteil, deshalb lesen wir an mehreren Stellen die Wendung «vom Zählen zum Er-zählen». So ist ein Auftritt auch nicht das Ziel des Trainings, sondern eine der 18 Methoden und somit ein ganz selbstverständlicher Teil der persönlichen Trainingsroute.
Der Aufbau lädt zum Tun ein: Das Buch stellt zunächst alle Konzepte und Methoden kurz und verständlich vor. Viele der Methodenerklärungen können auch von unseren Lernenden gelesen, verstanden und umgesetzt werden. So lädt das Buch schnell zum Tun ein. Ich kann ein Kapitel am Morgen lesen und die Ideen daraus direkt am Nachmittag im Unterricht anwenden. Das beschwingt! Für die, die mehr in die Tiefe wollen, gibt es direkt im Anschluss zu jeder Methode einen Teil, in dem die Methode wissenschaftlich beleuchtet und genauer erklärt wird. Jedoch möchte ich folgendes anmerken: Wenn man die jungen Musikerinnen und Musiker wirklich dahin bringen möchte, dass sie genug Methoden kennen, benennen und anwenden können, sodass sie sich einen eigenen Routenplan zusammenstellen können, braucht es viel Vorbereitung und ist ohne grundlegende und konsequente Anpassung der eigenen Unterrichtspraxis wohl nicht möglich.
Meine Lieblingsmethode: Nr. 12 Happy End! Viele Stücke sind nicht durchgehend gleich schwer, sondern haben einen oder zwei besonders schwere Töne oder Griffe, die immer wieder falsch gespielt werden. Diese «Problemtöne» werden zum Happy End, zum krönenden Abschluss einer Passage. Wir gestalten diesen Ton, als wäre es das Ende eines Stücks: wir bauen ein Ritardando ein, eventuell sogar ein Crescendo, das verleiht Sicherheit. Wir machen eine Fermate auf dem Ton, hören zu, wie er ausklingt. Dabei spüren wir das Gewicht unserer Finger auf dem Griffbrett, die Füsse auf dem Boden und nehmen eventuell Spannungen in unserem Körper war. Diese Methode funktioniert, weil es jetzt nicht mehr das Ziel ist, irgendwie heile an dieser Stelle vorbeizukommen, sondern sie zu geniessen, auszugestalten, Zeit zu nehmen, achtsam zu spielen und sie nicht mehr als Problem, sondern eben als etwas Schönes, als Happy End zu betrachten. Wir trainieren unser Sicherheitsgefühl an dieser Stelle und münzen gleichzeitig unsere problemorientierte Ansicht in etwas Positives um.
Wie geht’s weiter? Ich persönlich experimentiere sowohl in meinem eigenen Instrumentaltraining sowie im Unterricht in den nächsten Monaten weiter mit den Methoden, die ich im Buch Das Methoden-Navi kennengelernt habe. Auf die EGTA Weiterbildung mit Ulrich Menke freue ich mich jetzt schon, es wird mit Sicherheit ein sehr lehrreicher und praxisorientierter Workshop werden!
Wer vor dem Workshop noch mehr wissen möchte, kann natürlich das Buch lesen, das ist aber keine Voraussetzung. Ausserdem war der Autor bereits in zwei Podcasts zu Gast, einmal bei Patrick Hinsberger im Podcast Wie übt eigentlich…? (Folge vom 27. Oktober 2025) und davor schon bei Voll Motiviert Nr. 32 (Folge vom 22. Mai 2023) mit Kristin Thielemann.
Menke, Ulrich (2023): Das Methoden-Navi – Routenplaner zu einem erfolgreichen Instrumental- und Ensembleunterricht, Herausgegeben bei Schott, ISBN: 978-3-7957-3092-5