Renaissancemusik im Unterricht
von Judith Bunk
Von zart, mysteriös, verträumt, lustig, Feen-Vibes bis hin zu Mittelaltermusik und angestaubt - die Assoziationen zu Renaissancemusik meiner Schülerinnen und Schüler sind vielfältig. Die Epoche der Renaissance scheint mir zu Unrecht wenig beachtet, viele SuS kennen diese Epoche gar nicht. Vermutlich da sie häufig im Schulmusikunterricht ausgespart wird. Dabei gilt sie als Geburtsstunde der Instrumentalmusik und die Laute mit ihrer wertvollen Literatur als beliebtestes Instrument der Zeit. Ich spiele meinen SuS sehr gern Musik aus der Zeit vor und schaue dann, was sie damit assoziieren und ob sie es mögen. Da die Schülerinnen und Schüler so gut wie noch nie Renaissancemusik gehört haben, bedarf es häufig einer intensiveren Einführung in die musikalische Gestaltung der Musik. Hier ein kleiner Erfahrungsbericht aus meinem Unterricht an der Kantonsschule. Ich arbeite mit Jugendlichen im Alter 13 bis 19 Jahre und starte Renaissancemusik ausschliesslich mit Tänzen und balladenähnlichen Stücken. Beliebte Stücke sind zum Beispiel «The Sick Tune», «A Toy», «Wilsons Wilde», «Kemps Gigge» und «Greensleeves» von anonymer Herkunft, «Mr. Dowlands Midnight», «Fortune» und «Welcome Home» von John Dowland sowie «Bianco fiore» von Cesare Negri oder «Bassa Savella» von Mario Fabrizio Caroso. Fantasien, Ricercare und komplexe Formen nutze ich nie für den Einstieg in Renaissancemusik.
Grundsätzlich unterscheide ich mit meinen SuS immer erstmal pauschal ist es ein schneller oder langsamer Satz. Wenn es ein schneller ist, wird er in der Regel tänzerisch und leichtfüssig gespielt, wenn es ein langsamer ist, dann sehr melodiös und gesanglich.
Ich erkläre ihnen, dass sich die frühe Instrumentalmusik der Renaissance aus der Gesangspraxis entwickelt hat. Also sollte unser langsames Stück wie eine Imitation des Gesangs auf der Gitarre sein. Oder ich erkläre, dass schnelle Stücke vom Tanz inspiriert sind und dass Tanzen in der Zeit eine sehr beliebte und ambitionierte Tätigkeit war. Die anspruchsvolle Tanzpraxis in Renaissance und Barock gilt als Vorbild des heutigen klassischen Balletts. Der Tanz war kunstvoll, anmutig und formvollendet. Wenn wir also Tanzmusik aus der Zeit spielen, sollten wir uns vorstellen, dass jemand sehr elegant Ballett dazu tanzt. Das trifft den Charakter dann ganz gut.
Um die Musik dem Stil gemäss zum Klingen zu bringen, gehe ich mit den SuS Schritt für Schritt folgende Parameter der musikalischen Gestaltung durch. Natürlich gehe ich nicht strikt nach einem 5 Punkte System vor, sondern wie es sich ergibt, es erforderlich ist und wie der/die Lernende umsetzt und interessiert ist.
Ich erarbeite mit meinen SuS die Phrasierung, ich nenne es den Atem der Musik. Meistens bietet sich dazu einfach das Singen der Melodie an, spüren wo ich einatme, dann ein paar Eintragungen und es ist meist klar.
Danach klären wir die Betonung, also die Schwerpunkte aller Takte. Ich schreibe es meist über jeden Takt, da häufig nur jeder zweite Takt einen Schwerpunkt hat. Ich nutze zur Verdeutlichung eines Schwerpunkts Sinnbilder des Tanzens, der Sprache und des Dirigierens.
Natürlich spielt die Polyphonie in der Musik eine wichtige Rolle. Manchmal sind alle Stimmen gleichberechtigt, in anderen wird die Melodie deutlich priorisiert.
Auch die Artikulation beschäftigt uns, besonders in Tänzen. Grundsätzlich gilt die Regel: Tonsprünge artikuliert, Linien legato / unartikuliert, zwei gleiche Töne hintereinander artikuliert. Nach dieser Regel schauen wir durchs Stück und probieren aus. Wenn die SuS mit der linken Hand einen staccato Ton dann produzieren, zeige ich ihnen, wie die Bewegung der linken Hand in dem Moment die Musik unterstützt - Tanzen / Springen der Finger.
Last but not least zeige ich den SuS noch Verzierungen, denn das finden die meisten sehr lustig und interessant. Der Kreativität sind hier wenig Grenzen gesetzt, in der Renaissancemusik gibt es relativ wenige Vorgaben, aber natürlich Regeln. Meistens zeige ich den SuS Beispiele und sie wählen sich etwas aus.
Mit diesem Prinzip arbeite ich sehr gern und es macht mir Spass zu hören, wie die Musik ihre Form bekommt. Durch die Klarheit der Vorgehensweise können die SuS im Verlauf ihrer Ausbildung selbst wieder diese "Regeln" anwenden.